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Gast_101 10.02.2015 14:58

Dunhill Nightcap
 
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Eine Mütze voll Genuss

Sicher habt Ihr schon mitbekommen, dass mich das viktorianische England fasziniert. Das hängt gewiss mit meiner Vorliebe für die Literatur dieser Epoche zusammen, z. B. mit den Romanen und Geschichten von Charles Dickens oder Arthur Conan Doyle, die im Kopf das London des Nebels, der Gaslichter, der Droschken, der Ladies und Gentlemen aber auch der Docklands, Spelunken und zwielichtigen Gestalten entstehen lassen. Eine der bekanntesten Figuren, die diese Szenerie bevölkern, ist der mürrische, Menschen verachtende und selbstsüchtige Ebenezer Scrooge. Man kann ihn sich richtig vorstellen, wie er sich nach getaner Arbeit in seinem Haus verkriecht, den Kamin anzündet und sich schließlich – ganz der Mode der Zeit entsprechend – bekleidet mit Nachtmütze und Nachthemd zu Bett begibt. Die Vorstellung, mich selbst einmal so ausstaffiert ins Bett zu legen, fand ich schon immer cool. Nur die Aussicht auf ein Leben in einer geschlossenen Anstalt, das meine Frau sicher dann für mich veranlasst hätte, haben mich bislang davon abgehalten.

Stattdessen besorgte ich mir vor einiger Zeit eine Nachtmütze ganz anderer Art: Eine Dose „Nightcap“ von Dunhill. Damit gelang es mir, mich in die englische Vergangenheit zu katapultieren, ohne mich vollständig zum Narren zu machen. Denn dabei handelt es sich um ein ganz wunderbares Tabakskraut, dass so viktorianisch daher kommt, wie Sherlock Holmes und Dr. Watson zusammen.

Anhang 117433

Blendname: Dunhill Nightcap
Hersteller: STG (Importeur: Kohlhase & Kopp)
Typ: Ribbon
Mischung: Latakia, Orient, Perique
Stärke: Stark
Verpackung: 50g Runddose
Preis: 12,75 (Stand 02/15)

Das Aroma:

Nach dem Öffnen der Dose riecht man sofort, wie könnte es auch anders sein, den Latakia. Hier wird einem das altbekannte, ledrig-rauchige Aroma jedoch nicht mit dem Dampfhammer ins Limbische System eingemeißelt, sondern es kommt viel subtiler daher, vergleichbar mit dem Duft eines Sattels, der schon etwas Zeit hatte, nach der Jagd auszulüften. Hinzu gesellt sich ein harzig-süßlicher Duft, der vom Orient stammt. Der Perique spielt in olfaktorischer Hinsicht keine Geige.

Das Tabakbild:

Der Tabak ist tiefdunkel, durchsetzt mit den hellen Fäden des Orienttabaks. Auffällig ist die schmale Schnittbreite der einzelnen Tabaksfäden. Das Stopfen geht prima von der Hand. Nun denn, Feuer frei.

Anhang 117434

Der Genuss:

Vorweg: Der Abbrand des Nightcap ist sensationell gut. Nichts sottert, nichts gurgelt. Die Füllung startet absolut sanft! Nichts als hocharomatischer, geradezu cremiger Rauch ergießt sich auf die Zunge und umspielt den Gaumen. Im Kopf entsteht bei mir jedes Mal das Bild eines edlen Rennpferdes, wenn ich den Nightcap verknasstere. Der Geschmack ist dominiert vom Latakia, aber auf die subtilere Art. Einfach lecker. Der Orient bringt seine süßlich-harzigen Noten ab und an in den Rauch mit ein. Der Perique tritt hier allenfalls als Stütze auf. Man würde ihn allerdings vermissen, wäre er nicht da. Alles in allem ein sehr harmonischer, ausgewogener Geschmack. Rund wie eine Kugel. Zur Mitte der Füllung kommt eine schöne Säure hinzu, der Smoke wird holziger (Sandelholz). Zum Ende wird er schön kräftig, ohne jedoch zu brennen und zu beißen. Es gibt Raucher, die bezeichnen den Nightcap als eindimensional. Ich finde, dass man ihm damit großes Unrecht tut. Für mich ist er sehr komplex, von würzig über cremig bis hin zu holzig und säuerlich changierend, abwechslungsreich – kurz: Toll!

Aber:

Die Sache hat aber eindeutig einen Haken: Weil er so rund und sanft daher kommt, merkt man nicht sofort, dass die Nachtmütze voll des guten Vitamins N steckt. Und zwar nicht zu knapp. Wer auf Nikotin sensibel reagiert, sollte den Nightcap lieber aus der Brennkammer lassen. Allerdings kann man die Horrorgeschichten von Wohnzimmerrundflügen, Schluckauf, temporärer Blindheit etc. trotzdem getrost vergessen: LEGENDE!!!! Fest steht jedoch, dass der Nightcap eher etwas für den Abend ist, zumindest für mich, denn die sedierende Wirkung ist m.E. spürbar.

Fazit:

Der Nightcap ist - um es bildhaft auszudrücken - ein echter Gentleman. Kein Werftarbeiter wie der Early Morning Pipe, kein nervöser Offizier wie der London Mixture. Ein schön schwerer, süffiger Genuss mit dem es sich nach dem anstrengenden Tagwerk vortrefflich in die Behaglichkeit des Abends hinüberdämmern lässt. Try it!

Gruß
Christian

maxmo75 10.02.2015 17:45

AW: Dunhill Nightcap
 
Ich habe schon lange ein neues Review von dir ersehnt mein lieber.
Sehr passend umschrieben das gute Kraut, besser geht es nicht danke.
Hey Christian...wenn du magst darfst du gerne bei deinem nächsten Besuch in meinen Hallen mit Nachtmütze und Nachthemd zu Bett gehen...ich verrate es keinem.;)

äskulap 10.02.2015 18:37

AW: Dunhill Nightcap
 
Wieder ein sehr gutes Tasting! :thumbup:

elloco 10.02.2015 19:30

AW: Dunhill Nightcap
 
Zitat:

Zitat von maxmo75 (Beitrag 336530)



Hey Christian...wenn du magst darfst du gerne bei deinem nächsten Besuch in meinen Hallen mit Nachtmütze und Nachthemd zu Bett gehen...ich verrate es keinem.;)


Genau das wollte ich grad schreiben, lässt sich doch bestimmt vereinbaren, wenn Christian wieder bei dir unten ist:-)[emoji106]

Übrigens tolles Review, lese ich immer total gern!

Ralf79 10.02.2015 19:47

AW: Dunhill Nightcap
 
Macht immer wieder Spaß deine tastings zu lesen! Und bei mir wirkt es auch noch, der nächste Kandidat auf der Einkaufsliste.
Bitte mehr davon!

Gruß Ralf

Tannat 10.02.2015 20:31

AW: Dunhill Nightcap
 
super Tasting Christian,

kann ich voll und ganz unterschreiben.
Bin ja genau durch diesen Tabak auch wieder voll auf den Geschmack der Pfeife gekommen ;)

seht hier

http://www.zigarrenforum-online.de/s...ostcount=34ife

Gast_101 11.02.2015 12:52

AW: Dunhill Nightcap
 
Danke für die netten Posts.

Christian

marco69 26.04.2016 14:02

AW: Dunhill Nightcap
 
Hallo allerseits,


auch den Nightcap werde ich nochmal versuchen- hatte eine Tabakprobe davon.
Der ist zwar stark, aber Geschmack war eigentlich gut, mild- nussig.

Hatte danach eine sehr leichten Kopf- wie wenn man zwei Opipramol Tabletten einnimmt, (angenehm) aber ich konnte kaum schlafen davon.

Deshalb werde ich da nochmal eine weitere Probe testen.

Hat denn der Tabak auf dich relaxend gewirkt, konntest du danach gut schlafen?

marco69

Ursidae 10.11.2016 20:25

AW: Dunhill Nightcap
 
Es wird Zeit für mich, meinen Kommentar abzugeben, da ich im Leben nie wieder gedacht hätte, dass ich NICHT der Einzige bin, der auf den viktorianischen Stil abfährt und zu gewissem Teil seine Kaufwilligkeit davon abhängig macht. Mich freuen Deine Ausführung sehr, Sancho Panza, da sie wirklich Eins zu Eins von mir hätten stammen können, wenn auch wahrscheinlich nicht ganz so schön ausformuliert. Mein Lieblingsteil:

"Man kann ihn sich richtig vorstellen, wie er sich nach getaner Arbeit in seinem Haus verkriecht, den Kamin anzündet und sich schließlich – ganz der Mode der Zeit entsprechend – bekleidet mit Nachtmütze und Nachthemd zu Bett begibt. Die Vorstellung, mich selbst einmal so ausstaffiert ins Bett zu legen, fand ich schon immer cool. Nur die Aussicht auf ein Leben in einer geschlossenen Anstalt, das meine Frau sicher dann für mich veranlasst hätte, haben mich bislang davon abgehalten."

Genau dieses Szenario sehe ich jedes Mal vor meinem inneren Auge, wenn ich die NC-Dose erblicke. Ich hatte auch mal (u.a. aufgrund von NC) mit dem Gedanken gespielt, mir so eine Schlafmütze zu kaufen (gibt es tatsächlich noch u.a. bei Amazon) und spätnachts heimlich leise im weißen Nachthemd aufzustehen, ins Nebenzimmer zu gehen, es mir in meinem geliebten Wohnzimmersessel bequem zu machen und mir genüsslich eine NC-Pfeife anzuzünden. Und natürlich würde ich nicht das elektrische Nachtlicht anschalten, sondern mit brennenden Kerzen in Kerzenständer durch die Wohnung schleichen. Einen ordentlichen Schlafcocktail dazu (Talisker 57 North) und die Welt wäre in Ordnung... Allein aus dem Interesse dieser Zeit des 19. Jahrhunderts heraus habe ich mir vor Jahren mal ein Trichtergrammophon gekauft und mich mit der damaligen Musik und Technik beschäftigt. Seitdem bin ich auch ein leidenschaftlicher Hörer von z.B. John McCormack geworden.

Nur leider geht es mir ähnlich wie Dir. Ich glaube, meine Freundin wäre von dieser Show wenig begeistert. Davon abgesehen, dass wir keinen Kamin haben. Sie zuckt schon immer zusammen, wenn ich ein oder zwei Mal jedes halbe Jahr eine Schellackplatte auflege, um für ein paar Minuten zeitgenössisch Musik zu hören und in ein anderes Jahrhundert einzutauchen. Eine gewisse Distanz dazu bzw. ein Partner, der einen irgendwann wieder auf den Boden zurückholt, ist andererseits aber vielleicht auch gar nicht mal so ungesund. Nachher verleitet mich der NC noch zum Tragen eines Zylinders und Backenbartes. Obwohl... das mit dem Zylinder nehme ich zurück, der ist auch heute noch geil.

Jedenfalls: Wann immer ich diese "Reise in die Vergangenheit"-Phasen habe, gehört der NC unweigerlich dazu. Ich habe ihn damals als Pfeifenanfänger das erste Mal probiert (wovon ja sehr oft abgeraten wird) und war sofort begeistert. Man hat nicht nur die besprochene viktorianische Zeit vor Augen, man riecht sie und man schmeckt sie mit jedem Zug an der Pfeife. Man taucht einfach ab - wohl wissend, dass man gewissermaßen eine Zeit glorifiziert, die in der Realität bestimmt alles andere als angenehm war. Kinderarbeit, Krankheit und Armut waren an der Tagesordnung. Es ist einfach die Faszination des Lebensstils (vor allem der gehobenen Klasse - Ladies und Gentlemen eben), der den größten Teil derselbigen einnimmt. Meine Angewohnheit, wann immer ich mir den NC gönne, ist es inzwischen, mich in meinem Sessel breitzumachen und mir dabei stets Literatur (gerne auch als Hörversion) von etwa Charles Dickens, vor allem aber von Edgar Allan Poe, dessen Werke ich abgöttisch liebe, zu Gemüte zu führen. Ich rauche den NC fast nur, wenn es draußen dunkel ist und im Idealfall noch "schlechtes" Wetter vorherrscht. In diesen Momenten wünschte ich mir schon oft ganz besonders, einen Kamin zu besitzen. Vielleicht erfüllt sich dieser Traum ja einmal.

Insofern Sancho Panza, vielen Dank für diese tolle und absolut treffende Analyse und Bewertung einer meiner All-Time-Favorits in der Welt der Pfeifentabake. Sie hat mir gezeigt, dass es nicht schlimm oder abwegig ist, einfach mal bei einer guten Pfeife nicht nur zu entspannen, sondern gänzlich in eine andere Welt abzutauchen und sich seiner Faszination voll und ganz hinzugeben. Genau wie Du will ich den NC nie wieder in meiner Tabaksammlung missen. Danke Dir für Deinen Beitrag!

Gast_101 11.11.2016 19:51

AW: Dunhill Nightcap
 
Chapeau!

dr.thomasi 12.11.2016 06:39

AW: Dunhill Nightcap
 
:thumbsup:
Sehr guter Blend und tolles Review:thumbsup:


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